Verteilung

Die Not an der Wurzel packen

Das innerdeutsche Armutsgefälle verläuft weniger zwischen Ost und West als vielmehr zwischen Land und Stadt. Um die Probleme zu beheben, bedarf es mehr als nur Staatsgeld.

Nur wenige Menschen sind in Deutschland so arm, dass sie ihre Wohnung nicht heizen können oder erst gar keine Wohnung haben. Fast alle Bürger schaffen es aus eigener Kraft oder mit der Hilfe von Verwandten, die drängendsten Bedürfnisse zu befriedigen. Deutschland und die anderen Industrieländer beschäftigen sich deshalb weniger mit der absoluten, sondern mehr mit der relativen Armut. Darunter fallen alle, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens beziehen. Median heißt, dass die eine Hälfte der Bevölkerung mehr verdient und die andere weniger. Im Falle eines Alleinstehenden verläuft die Armutsgrenze derzeit bei einem Nettoeinkommen von rund 1.000 Euro pro Monat; im Falle eines Paares mit zwei Kindern bei etwa 2.000 Euro.

Diese Definition von Armut hat aber ihre Tücken, denn wenn von heute auf morgen alle Deutschen das Doppelte verdienen, verdoppelt sich auch der Armutsschwellenwert – und die Zahl der Armen bleibt so hoch wie zuvor. Da Deutschland bereits ohne Einkommensverdopplung ein wohlhabendes Land ist, liegt die Armutsgrenze ohnehin schon auf einem recht hohen Niveau. Viele statistisch Arme würden sich deshalb selbst gar nicht als solche sehen. Umgekehrt geben in ärmeren Ländern viele Menschen an, arm zu sein, obwohl ihr Einkommen über dem relativen Schwellenwert liegt.

Eine weitere Schwierigkeit der Armutsmessung ist, dass sie nur die laufenden Einnahmen berücksichtigt. Dass jeder sechste Einkommensarme über ein Haus und anderes Vermögen verfügt, von dem er mehr als 10 Jahre seinen Unterhalt bestreiten könnte, spiegelt sich in der Armutsquote nicht wider. Aus all diesen Gründe sprechen Statistiker vorsichtig von Armutsgefährdung statt von Armut.

Der Trend zum Alleinleben vergrößert die Armut

Die Armutsgefährdungsquote, also der Bevölkerungsanteil der potenziell Einkommensarmen, betrug in Deutschland im Jahr 2014 rund 15 Prozent. Lange Zeit vergrößerte sich der Anteil – seit 2005 immerhin etwas langsamer. Einer der Gründe für den Anstieg liegt in der veränderten Zusammensetzung vieler Haushalte: Mehr Mütter leben allein mit ihren Kindern, und Paare haben zunehmend getrennte Wohnungen. Der Trend zum Alleinleben steigert die Armut, selbst wenn das Einkommen konstant bleibt: Aus einem getrennten Mittelschichtspärchen können zwei alleinstehende Arme werden, denn künftig müssen beide Miete zahlen und die Waschmaschine reparieren lassen.

Regional betrachtet liegt der Armenanteil in Ostdeutschland durchschnittlich deutlich höher als im Westen – und vor allem im Süden des Landes. Das innerdeutsche Gefälle relativiert sich jedoch ein wenig, wenn man die Kaufkraft berücksichtigt, denn in Ostdeutschland sind die Preise im Durchschnitt 7 Prozent niedriger als im Westen. Dementsprechend kommt ein Single in Magdeburg mit 1.000 Euro wohl noch einigermaßen über den Monat, während die gleiche Summe in München kaum für das Nötigste reicht. Im Gegensatz zur relativen Einkommensarmut zeigt die preisbereinigte Armutsquote deshalb weniger Unterschiede zwischen Ost und West, dafür aber ein umso stärkeres Gefälle zwischen Land und Stadt.

Was alle Regionen eint, ist der Kreis der Gefährdeten: Arbeitslosen, Alleinerziehenden und Personen mit Migrationshintergrund fehlt es besonders häufig an einem auskömmlichen Einkommen. Zwar sorgen die staatlichen Transferzahlungen dafür, dass die Zahl der Armen nicht noch deutlich größer ist. Doch einfach mehr staatliche Zahlungen zu veranlassen, kann keine dauerhafte Lösung der Probleme sein, denn Geld kann allenfalls die Symptome kurieren, nicht aber die Ursachen der Armut beseitigen. Das beste Mittel gegen Armut ist immer noch eine prosperierende Wirtschaft mit einer geringen Arbeitslosigkeit. Um den Problemgruppen den Weg in den Arbeitsmarkt zu ebnen, wäre zudem ein weiterer Ausbau der qualifizierten Ganztagsbetreuung hilfreich. Alleinerziehende könnten damit Familie und Beruf leichter vereinbaren, und zudem hätten viele Kinder mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Schichten einen besseren Start ins Leben.

Haben wir ein Armutsproblem?