Verteilung

Die Not an der Wurzel packen

Das innerdeutsche Armutsgefälle verläuft weniger zwischen Ost und West als vielmehr zwischen Land und Stadt. Um die Probleme zu beheben, bedarf es mehr als nur Staatsgeld.

Armut

Nur wenige Menschen sind in Deutschland so arm, dass sie ihre Wohnung nicht heizen können oder obdachlos sind. Fast alle Bürger schaffen es aus eigener Kraft oder mit der Hilfe der Familie, die drängendsten Bedürfnisse zu befriedigen. Gelingt dies nicht, sichert der Staat das sozio-kulturelle Existenzminimum. Deutschland beschäftigt sich deshalb wie viele andere Wohlfahrtsstaaten weniger mit absoluter Armut, sondern mehr mit relativer Armut. Davon bedroht sind per Definition diejenigen, die weniger als 60 Prozent des bedarfsgewichteten mittleren Nettoeinkommens beziehen. Mittleres Einkommen heißt, dass die eine Hälfte der Bevölkerung mehr verdient und die andere weniger. Die Bedarfsgewichtung berücksichtigt Kostenvorteile durch das gemeinsame Wirtschaften in einem Haushalt. Wer also allein lebt, ist eher von Armut bedroht, weil er größere Anschaffungen alleine finanzieren muss. Laut Haushaltsbefragung Mikrozensus verlief die Armutsgefährdungsgrenze in Deutschland im Fall eines Alleinstehenden 2016 bei einem Nettoeinkommen von 969 Euro pro Monat; im Fall eines Paares mit zwei Kindern bei 2.035 Euro.

Diese Definition hat zur Folge, dass sich der Schwellenwert der Armutsgefährdung verdoppelt, wenn von heute auf morgen alle Einwohner das Doppelte verdienen. Die Zahl der Armutsgefährdeten bliebe so hoch wie zuvor. Da Deutschland bereits ohne Einkommensverdopplung ein wohlhabendes Land ist, liegt die Armutsgefährdungsgrenze ohnehin schon auf einem recht hohen Niveau. Viele statistisch Arme sehen sich deshalb selbst gar nicht als solche. Umgekehrt geben in ärmeren Ländern viele Menschen an, arm zu sein, obwohl ihr Einkommen über dem nationalen Schwellenwert liegt. Eine weitere Schwierigkeit der Armutsmessung ist, dass sie nur die laufenden Einnahmen berücksichtigt. Dass jeder sechste Einkommensarme über ein Haus und anderes Vermögen verfügt, von dem er mehr als 10 Jahre seinen Unterhalt bestreiten könnte, spiegelt sich in der Statistik nicht wider.

Die Armutsgefährdungsquote betrug in Deutschland 2016 etwa 16 Prozent, das entspricht gut 13 Millionen Menschen. Tendenziell ist der Bevölkerungsanteil in den vergangenen Jahren leicht gestiegen. Einer der Gründe dafür ist die veränderte Zusammensetzung vieler Haushalte: Mehr Mütter leben allein mit ihren Kindern, und Paare haben zunehmend getrennte Wohnungen. Der Trend zum Alleinleben steigert die Armutsgefährdungsquote, selbst wenn das Gesamteinkommen aller Haushalte konstant bleibt: Aus einem getrennten Mittelschichtspärchen können zwei alleinstehende Arme werden, denn künftig müssen beide Miete zahlen und die Waschmaschine reparieren lassen. Auch der Zuzug der anerkannten Flüchtlinge hat die Armutsgefährdungsquote erhöht.

Der Trend zum Alleinleben steigert die Armut

In Ostdeutschland ist das Armutsrisiko deutlich höher als im Westen und Süden des Landes. Das innerdeutsche Gefälle relativiert sich jedoch, wenn man die regionale Kaufkraft berücksichtigt, denn in Ostdeutschland sind die Preise im Durchschnitt 7 Prozent niedriger als im Westen. Dementsprechend kommt ein Single in Magdeburg mit 1.000 Euro wohl noch einigermaßen über den Monat, während die gleiche Summe in München kaum für das Nötigste reicht. Die preisbereinigte Armutsgefährdungsquote zeigt deshalb weniger Unterschiede zwischen Ost und West, dafür aber ein umso stärkeres Gefälle zwischen Land und Stadt.

Was alle Regionen eint, ist der Kreis der Gefährdeten: Arbeitslose, Alleinerziehende und Personen mit Migrationshintergrund fehlt es besonders häufig an einem auskömmlichen Einkommen. Zwar sorgen die staatlichen Transfers dafür, dass die Zahl der Armutsgefährdeten nicht noch deutlich größer ist. Doch einfach mehr Zahlungen zu veranlassen, kann keine dauerhafte Lösung der Probleme sein, denn Geld kuriert allenfalls die Symptome, beseitigt aber nicht die Ursachen. Das beste Mittel gegen Armut ist immer noch eine prosperierende Wirtschaft mit einer geringen Arbeitslosigkeit. Um den Problemgruppen den Weg in den Arbeitsmarkt zu ebnen, ist ein weiterer Ausbau der Kinderbetreuung und der Ganztagsschulen nötig. Alleinerziehende könnten damit Familie und Beruf leichter vereinbaren, und zudem hätten viele Kinder mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Schichten einen besseren Start ins Leben.