Verteilung

Die Schere öffnet sich nicht weiter

Die Spreizung der Einkommen hat sich in Deutschland zwar auf lange Sicht vergrößert. Im vergangenen Jahrzehnt setzte sich der Trend aber nicht mehr fort.

Die Wirtschaft sucht dringend nach fähigen Mitarbeitern und zahlt ihnen gute Löhne. Gleichzeitig stehen Geringqualifizierte im Konkurrenzkampf mit Arbeitern aus Niedriglohnländern, zunehmend auch mit Algorithmen, die immer mehr Aufgaben übernehmen. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass sich die Einkommensschere in Deutschland – wie in allen Industriestaaten - in den vergangenen Jahrzehnten geöffnet hat. Das oberste Einkommenszehntel hat in Deutschland ordentlich zugelegt und sein Einkommen seit 1994 um 22 Prozent gesteigert. Gleichzeitig erhöhte das untere Zehntel sein Einkommen nur um knapp 6 Prozent.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern konnte Deutschland die Einkommensdrift zuletzt aber weitestgehend aufhalten. Die gute wirtschaftliche Entwicklung und der beispiellose Abbau der Arbeitslosigkeit haben die Lebenssituation von Millionen Menschen verbessert. Zum einen hat Deutschland das Glück, Maschinen und andere Investitionsgüter zu produzieren, die vor allem in Schwellenländern stark nachgefragt werden. Zum anderen haben die Hartz-Reformen Mitte des vorigen Jahrzehnts den Arbeitsmarkt flexibilisiert und vielen Menschen den Einstieg geebnet. Am anderen Ende der Einkommensskala haben viele Wohlhabende in der Finanzkrise Verluste hinnehmen müssen. Unter dem Strich konnten die unteren Einkommensgruppen seit dem Jahr 2005 etwa im gleichen Maße am wachsenden Wohlstand partizipieren wie die mittleren und oberen Schichten.

Trotz insgesamt steigenden Wohlstands scheint sich die Mittelschicht aber weniger mit dem wirtschaftlichen Fortkommen zu beschäftigen, sondern vielmehr mit Abstiegsängsten zu plagen. Dabei ist es eigentlich recht gut bestellt um diese Gruppe, zu der per IW-Definition alle Menschen mit einem Einkommen zwischen 80 und 150 Prozent des mittleren Einkommens gehören. Heute zählen rund 48 Prozent der Bevölkerung zur gesellschaftlichen Mitte – Anfang der 1990er Jahre waren es rund 50 Prozent.

Im selben Zeitraum ist der Anteil der Einkommensarmen merklich gestiegen: Betrug die Armutsgefährdungsquote Anfang der 1990er Jahre noch 13 Prozent, so liegt sie mittlerweile bei fast 16 Prozent. Der jüngste Anstieg des Armutsrisikos ist sowohl der zunehmenden Migration geschuldet als auch dem gesellschaftlichen Trend zum Alleinleben und Alleinerziehen. Wenn sich beispielsweise ein Mittelschichtspaar trennt, verringert sich zwar nicht unbedingt das gemeinsame Einkommen. Da nun aber viele Ausgaben doppelt anfallen, sinkt der Lebensstandard beider neuen Haushalte.

Die Vermögen sind stark konzentriert

Zwar war die Gesellschaft wirtschaftlich gesehen früher dichter beieinander. Dennoch sind die Einkommen in Deutschland immer noch recht gleichmäßig verteilt. Ein anderes Bild zeigt sich dagegen bei der Vermögensverteilung. Der mit der Zeit angesammelte Besitz ist viel stärker konzentriert als die laufenden Einnahmen. Bezieht das einkommensstärkste Zehntel der Bevölkerung ein Drittel der Einkommen, so verfügt das vermögendste Zehntel über mehr als die Hälfte der Immobilien, Aktien und sonstigen Vermögenspositionen. Allerdings sind die 10 Prozent der Einkommensstärksten nur zum Teil identisch mit den 10 Prozent der Vermögendsten. Auch viele Normalverdiener verfügen über stattliche Vermögen, nennen ein Haus ihr Eigen und sparen für das Alter. Oft vergessen werden zudem die Ansprüche an die gesetzliche Rentenversicherung, die zwar keine klassische Ersparnis sind, aber gerade für Normalverdiener wie eine Vermögensposition zur Absicherung des Lebensabends wirken. Selbst einige „Arme“ können Vermögen vorweisen. Immerhin jeder sechste Armutsgefährdete verfügt über ausreichend Vermögen, um sich damit 10 Jahre lang über Wasser halten zu können. Für diese Art des Wohlstands ist die Armutsstatistik allerdings blind: Sie schaut nur auf die laufenden Einnahmen aus Lohn, Rente und Sozialleistungen.