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Die Schere öffnet sich nicht weiter

Die Spreizung der Einkommen hat sich in Deutschland zwar auf lange Sicht vergrößert. Seit über einem Jahrzehnt hat sich der Trend aber nicht mehr fortgesetzt. Wie sich die Corona-Krise langfristig auf die Verteilung von Einkommen und Vermögen auswirken wird, ist weiterhin ungewiss.

Die Wirtschaft sucht dringend nach fähigen Mitarbeitern und zahlt ihnen gute Löhne. Gleichzeitig stehen Geringqualifizierte im Konkurrenzkampf mit Arbeitern aus Niedriglohnländern, zunehmend auch mit Algorithmen, die immer mehr Aufgaben übernehmen. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass sich die Einkommensschere in Deutschland – wie in allen Industriestaaten – in den vergangenen Jahrzehnten geöffnet hat. So hat sich der Gini-Koeffizient der bedarfsgewichteten Nettohaushaltseinkommen zwischen 1991 bis 2018 von 0,247 auf 0,289 Punkte erhöht. Ein Großteil des Anstiegs ist Ende der 1990er Jahre und Anfang der 2000er Jahre zu beobachten. Seit 2005 ist der Gini-Koeffizient jedoch nahezu unverändert geblieben und schwankt um 0,29 Punkte. Ein Gini-Koeffizient von 0 bedeutet, dass alle verglichenen Personen genau das gleiche Einkommen verdienen. Ein Wert von 1 bedeutet, dass eine einzige Person das gesamte Einkommen erhält und alle anderen nichts.


Nahezu unveränderte Einkommensverteilung seit 2005

Im Gegensatz zu anderen Ländern konnte Deutschland die Einkommensschere somit zuletzt weitestgehend konstant halten. Die gute wirtschaftliche Entwicklung und der Abbau der Arbeitslosigkeit haben die Lebenssituation von Millionen Menschen verbessert. Zum einen hat Deutschland das Glück, Maschinen und andere Investitionsgüter zu produzieren, die vor allem in Schwellenländern stark nachgefragt werden. Zum anderen haben die Hartz-Reformen Mitte des vorigen Jahrzehnts den Arbeitsmarkt flexibilisiert und vielen Menschen den Einstieg ermöglicht. Am anderen Ende der Einkommensskala haben viele Wohlhabende in der Finanzkrise Verluste hinnehmen müssen. Unter dem Strich konnten die unteren Einkommensgruppen seit dem Jahr 2005 ebenso vom wachsenden Wohlstand profitieren wie die mittleren und oberen Schichten. Nach 2015 hat sich dieser positive Trend trotz Herausforderungen durch die Flüchtlingsmigration noch verstärkt.

Trotz insgesamt steigenden Wohlstands scheint sich die Mittelschicht aber weniger mit dem wirtschaftlichen Fortschritt zu beschäftigen, als vielmehr mit Abstiegsängsten. Dabei ist es eigentlich recht gut bestellt um diese Gruppe, zu der per IW-Definition alle Menschen mit einem Einkommen zwischen 80 und 150 Prozent des mittleren Einkommens gehören. Seit Anfang der 1990er Jahre ist die Mittelschicht relativ stabil geblieben, ihr Anteil variiert um die 50 Prozentmarke. Im selben Zeitraum ist der Anteil der Niedrigeinkommensbezieher (Armutsgefährdete) spürbar gestiegen: Betrug die Niedrigeinkommensquote (relative Armutsgefährdungsquote) laut Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) Anfang der 1990er Jahre noch 10,9 Prozent, so liegt sie mittlerweile bei 15,9 Prozent. Der Anstieg der Niedrigeinkommensquote ist sowohl der zunehmenden Migration geschuldet als auch dem gesellschaftlichen Trend zum Alleinleben und Alleinerziehen. Zuletzt ist der Anstieg der Niedrigeinkommensquote allerdings zum Halten gekommen und auch die Zahl der Mindestsicherungsempfänger ist gesunken.


Die Vermögen sind stärker konzentriert

Zwar war die Gesellschaft wirtschaftlich gesehen früher dichter beieinander. Dennoch sind die Einkommen in Deutschland immer noch recht gleichmäßig verteilt. Ein anderes Bild zeigt sich dagegen bei der Vermögensverteilung. Der mit der Zeit angesammelte Besitz ist viel stärker konzentriert als die laufenden Einnahmen. Bezieht das einkommensstärkste Zehntel der Bevölkerung ein Drittel der Einkommen, so verfügt das vermögendste Zehntel über mehr als die Hälfte der Immobilien, Aktien und sonstigen Vermögenspositionen.  Allerdings sind die zehn Prozent der Einkommensstärksten nur zum Teil identisch mit den zehn Prozent der Vermögendsten. Auch viele Normalverdiener verfügen über stattliche Vermögen, nennen ein Haus ihr Eigen und sparen für das Alter. Oft vergessen werden zudem die Ansprüche an die gesetzliche Rentenversicherung, die zwar keine klassischen Ersparnisse sind, aber gerade für Normalverdiener wie eine Vermögensposition zur Absicherung des Lebensabends wirken. Selbst einige „Arme“ können Vermögen vorweisen. Immerhin jeder sechste Niedrigeinkommensbezieher verfügte im Jahr 2007/2008 über ausreichend Vermögen, um sich damit zehn Jahre lang über Wasser halten zu können.  Für diese Art des Wohlstands ist die Armutsstatistik allerdings blind: Sie schaut nur auf die laufenden Einnahmen aus Lohn, Rente und Sozialleistungen.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die soziale Ungleichheit aus?

Auf diese Frage gibt es noch keine endgültige Antwort. Es kristallisiert sich jedoch immer mehr heraus, dass Selbständige und Geringverdiener – oft im Nebenerwerb – zu den größten Verlierern auf dem Arbeitsmarkt zählten. Aber auch viele andere Beschäftigte mussten aufgrund von reduzierten Arbeitszeiten oder gar Arbeitslosigkeit Einkommensausfälle in Kauf nehmen. Hinzukommen negative Effekte auf Kapital- und Vermögenserträge. Im Ergebnis hat sich die Ungleichheit in den Haushaltseinkommen vor Steuern, Abgaben und Transferzahlungen kurzfristig erhöht. Demgegenüber standen jedoch auch staatliche Hilfsmaßnahmen wie das Kurzarbeitergeld, ein vereinfachter Zugang zu Leistungen wie dem Kinderzuschlag, dem Wohngeld oder auch dem Arbeitslosengeld II, die größte soziale Härten wirksam verhindern konnten. Tatsächlich deutet sich an, dass aufgrund der breiten Betroffenheit ganz unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen in unterschiedlichen Lebenssituationen die Ungleichheit in den verfügbaren Haushaltseinkommen im Krisenjahr 2020 sogar leicht zurückgegangen ist.