Die Schere öffnet sich nicht weiter
Die Wirtschaft sucht dringend nach fähigen Mitarbeitern und zahlt ihnen gute Löhne. Gleichzeitig stehen Geringqualifizierte im Konkurrenzkampf mit Arbeitern aus Niedriglohnländern, zunehmend auch mit Algorithmen, die immer mehr Aufgaben übernehmen. Das Ergebnis dieser Entwicklung ist, dass sich die Einkommensschere in Deutschland – wie in allen Industriestaaten – in den vergangenen Jahrzehnten geöffnet hat. So hat sich der Gini-Koeffizient der bedarfsgewichteten Nettohaushaltseinkommen auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zwischen 1991 bis 2019 von 0,247 auf 0,296 Punkte erhöht. Ein Großteil des Anstiegs ist Ende der 1990er Jahre und Anfang der 2000er Jahre zu beobachten. Seit 2005 ist der Gini-Koeffizient jedoch nahezu unverändert geblieben und schwankt je nach Zeitreihe um einen Wert von 0,30 Punkten. Ein Gini-Koeffizient von 0 bedeutet, dass alle verglichenen Personen genau das gleiche Einkommen erhalten. Ein Wert von 1 bedeutet, dass eine einzige Person das gesamte Einkommen erhält und alle anderen nichts.
Nahezu unveränderte Einkommensverteilung seit 2005
Im Gegensatz zu anderen Ländern konnte Deutschland die Einkommensschere somit zuletzt weitestgehend konstant halten. Die gute wirtschaftliche Entwicklung und der Abbau der Arbeitslosigkeit haben die Lebenssituation von Millionen Menschen verbessert. Zum einen hat Deutschland das Glück, Maschinen und andere Investitionsgüter zu produzieren, die vor allem in Schwellenländern stark nachgefragt werden. Zum anderen haben die Hartz-Reformen Mitte des vorigen Jahrzehnts den Arbeitsmarkt flexibilisiert und vielen Menschen den Einstieg ermöglicht. Am anderen Ende der Einkommensskala haben viele Wohlhabende in der Finanzkrise Verluste hinnehmen müssen. Unter dem Strich konnten die unteren Einkommensgruppen seit dem Jahr 2005 ebenso vom wachsenden Wohlstand profitieren wie die mittleren und oberen Schichten. Nach 2015 hat sich dieser positive Trend trotz Herausforderungen durch die Flüchtlingsmigration noch verstärkt.
Die Auswirkungen der Corona-Pandemie und der hohen Preissteigerungen in Folge des russischen Angriffs auf die Ukraine lassen sich nur schwer beziffern. Kontaktbeschränkungen während der Coronapendemie und methodische Umstellungen in den gängigen Haushaltsbefragungsdatensätzen machen einen Vergleich mit den Vorjahren sehr schwer (Zeitreihenbrüche). So lässt sich abschließend nicht sicher sagen, ob der leichte Niveauanstieg des Gini-Koeffizienten, beispielsweise im Mikrozensus, auf methodische Umstellungen oder eine Veränderung der Einkommensgefüge zurückgeht. Mit Blick auf die unterschiedlichen Datensätze, zu denen auch die Statistik der Europäischen Union über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC) zählt und die einem ähnlichen Einkommenskonzept wie das SOEP folgt, zeichnet sich jedoch das Bild einer weitgehend stabilen Nettoeinkommensverteilung ab. Daran haben auch die starken Preissteigerungen in den Jahren 2022 und 2023 vorerst nichts geändert, wenngleich es in dieser Phase zu deutlichen Wohlstandseinbußen in breiten Bevölkerungsschichten kam. Diese sind zwar mittlerweile weitestgehend ausgeglichen, das schwache reale Wirtschaftswachstum führt jedoch aktuell zu kaum spürbaren neuen Wohlstandszuwächsen.
Die Vermögen sind stärker konzentriert
Zwar war die Gesellschaft wirtschaftlich gesehen früher dichter beieinander. Dennoch sind die Einkommen in Deutschland immer noch recht gleichmäßig verteilt. Ein anderes Bild zeigt sich dagegen bei der Vermögensverteilung. Der mit der Zeit angesammelte Besitz ist viel stärker konzentriert als die laufenden Einnahmen, aber auch hier lässt sich im letzten Jahrzehnt keine Zunahme der relativen Nettovermögensungleichheit beobachten. Bezieht das einkommensstärkste Zehntel der Bevölkerung ein Drittel der Einkommen, so verfügt das vermögendste Zehntel über mehr als die Hälfte der Immobilien, Aktien und sonstigen Vermögenspositionen. Allerdings sind die zehn Prozent der Einkommensstärksten nur zum Teil identisch mit den zehn Prozent der Vermögendsten. Auch viele Normalverdiener verfügen über stattliche Vermögen, nennen ein Haus ihr Eigen und sparen für das Alter. Oft vergessen werden zudem die Ansprüche an die gesetzliche Rentenversicherung, die zwar keine klassischen Ersparnisse sind, aber gerade für Normalverdiener wie eine Vermögensposition zur Absicherung des Lebensabends wirken. Für diese Art des Wohlstands ist die Armutsstatistik allerdings blind: Sie schaut nur auf die laufenden Einnahmen aus Lohn, Rente und Sozialleistungen.
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IW-Verteilungsreport 2025: Einkommensverteilung in Deutschland und der Europäischen Union