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Die Abstiegsgefahr wird überschätzt

Seit der Wiedervereinigung gehört mal etwas mehr, mal etwas weniger als die Hälfte der Bundesbürger zur Mittelschicht. Wer absteigt, schafft meist schnell den Wiederaufstieg.

Vor allem in Wahlkampfzeiten wird gern und hitzig über die Mittelschicht diskutiert – und seit einigen Jahren heißt es immer wieder, dass diese Gruppe kleiner und kleiner werde. Doch wer ist überhaupt die Mittelschicht? Eine offizielle Definition gibt es nicht. Nach traditioneller Vorstellung handelt es sich dabei um Familien mit Kindern, Eigenheim und alleinverdienendem Vater. Diesem Bild entsprechen aber heute nicht einmal mehr zehn Prozent der Bevölkerung. Sozialwissenschaftler wählen deshalb eine andere Abgrenzung. Sie schauen vor allem auf die Bildung und die Erwerbstätigkeit. Für die so abgegrenzte soziokulturelle Mittelschicht beträgt das typische Einkommen zwischen 80 und 150 Prozent des Medianeinkommens. In diese Bandbreite fielen im Jahr 2017 knapp über 49 Prozent der Bevölkerung.

Die Grenzen der Mittelschicht

Ein Alleinstehender zum Beispiel zählt demnach zur Mittelschicht, wenn er netto zwischen 1.560 und 2.920 Euro verdient. Für Familien gelten andere Grenzwerte, weil sie andere Bedürfnisse haben. Statistiker ziehen deshalb das sogenannte bedarfsgewichtete Nettoeinkommen heran. Hinter diesem Begriff steckt die Idee, dass es ein Unterschied ist, ob jemand einen Single-Haushalt führt und jede Anschaffung – von der Waschmaschine bis zum Fernseher – allein finanzieren muss, oder ob er in einem Mehr-Personen-Haushalt lebt. Hier werden viele Ausgaben von mehreren getragen. Deshalb werden die Haushaltseinkommen nach dem Bedarf gewichtet: Der erste Erwachsene hat den Faktor 1, jedes weitere Haushaltsmitglied ab 14 Jahren den Faktor 0,5, Kinder unter 14 Jahren bekommen den Faktor 0,3. Eine vierköpfige Familie braucht also nicht das Vierfache eines Singles, um zur Mittelschicht zu gehören, sondern nur gut das Doppelte.

Mehr oder weniger die Hälfte gehört dazu

Die Mittelschicht ist in Deutschland nach der Wiedervereinigung – insbesondere im Osten des Landes – zunächst gewachsen, nach der Jahrtausendwende allerdings wieder auf das Niveau von 1991 zurückgegangen. Die Hartz-Gesetze gingen dagegen nicht zulasten der Mittelschicht: Abgesehen von kleineren Schwankungen ist deren Größe seit 2005 praktisch unverändert geblieben. Wie auch Anfang der 1990er Jahre verfügt knapp die Hälfte der Bundesbürger über ein Einkommen zwischen 80 und 150 Prozent des Medians. Vor allem Familien gehören typischerweise zur Mitte. Von den knapp neun Millionen Paaren mit Kindern sind es im Jahr 2017 knapp 56 Prozent. Paare ohne Kinder schaffen es dagegen häufiger in die oberen Einkommensschichten. Alleinerziehende und Singles sind wiederum relativ oft in den unteren Einkommensschichten vertreten.

Selbstverständlich gibt es auch immer wieder Menschen aus der Mittelschicht, die sich finanziell verschlechtern und sogar arm werden – ein Massenphänomen ist das in Deutschland allerdings nicht. In den vergangenen zwanzig Jahren sind jeweils nur zwei bis drei Prozent der Mittelschicht in die Einkommensarmut abgerutscht. Ungefähr jeder Zweite schafft es bereits im folgenden Jahr, wieder aufzusteigen. Wirtschaftlich kann sich die überwiegende Zahl der Mittelschicht also sicher fühlen.