Relative Armut gezielt bekämpfen

Das größte Armutsrisiko geht noch immer von Arbeitslosigkeit aus. Aber auch veränderte Formen des Zusammenlebens und regionale Unterschiede stellen Herausforderungen dar, die man nicht allein mit mehr Staatsgeld bewältigen kann.

Nur wenige Menschen haben in Deutschland ein so niedriges Einkommen zur Verfügung, dass sie ihre Wohnung nicht heizen können oder obdachlos sind. Fast alle Bürger schaffen es aus eigener Kraft oder mit der Hilfe ihrer Familie, die drängendsten Bedürfnisse zu befriedigen. Gelingt dies nicht, sichert der Staat das sozio-kulturelle Existenzminimum. Deutschland beschäftigt sich deshalb wie viele andere Wohlfahrtsstaaten weniger mit absoluter Armut und mehr mit relativer Armut. Davon bedroht sind per Definition diejenigen, die weniger als 60 Prozent des bedarfsgewichteten mittleren Nettoeinkommens beziehen. Mittleres Einkommen heißt, dass die eine Hälfte der Bevölkerung ein höheres Einkommen erzielt und die andere ein geringeres. Die Bedarfsgewichtung berücksichtigt Kostenvorteile durch das gemeinsame Wirtschaften in einem Haushalt. Wer also allein lebt, ist eher von Armut bedroht, weil er größere Anschaffungen allein finanzieren muss. Laut Haushaltsbefragung Mikrozensus verlief die Armutsgefährdungs- beziehungsweise Niedrigeinkommensgrenze in Deutschland im Fall eines Alleinstehenden 2018 bei einem Nettoeinkommen von 1.035 Euro pro Monat; im Fall eines Paares mit zwei Kindern bei 2.174 Euro.

Diese Definition hat zur Folge, dass sich der Schwellenwert der Armutsgefährdung verdoppelt, wenn von heute auf morgen alle Bürger das Doppelte verdienen. Die Zahl der Niedrigeinkommensbezieher (Armutsgefährdete) bliebe so hoch wie zuvor. Da Deutschland bereits ohne Einkommensverdopplung ein wohlhabendes Land ist, liegt die Niedrigeinkommensgrenze ohnehin schon auf einem recht hohen Niveau. Viele statistische Niedrigeinkommensbezieher sind deshalb gar nicht der Ansicht, von Armut bedroht zu sein. Umgekehrt geben in ärmeren Ländern viele Menschen an, armutsgefährdet zu sein, obwohl ihr Einkommen über dem nationalen Schwellenwert liegt. Eine weitere Schwierigkeit der Armutsmessung ist, dass sie nur die laufenden Einnahmen berücksichtigt. Dass jeder sechste Niedrigeinkommensbezieher über ein Haus und anderes Vermögen verfügt, von dem er mehr als zehn Jahre seinen Unterhalt bestreiten könnte, spiegelt sich in der Statistik nicht wider.

Die Niedrigeinkommensquote (Armutsgefährdungsquote) betrug in Deutschland im Jahr 2018 gemäß Mikrozensus 15,5 Prozent, das entspricht etwas weniger als 13 Millionen Menschen. Tendenziell ist der Bevölkerungsanteil in den vergangenen Jahren leicht gestiegen, wenngleich sich zuletzt ein vorsichtiger Trendwechsel einzustellen scheint. Einer der Gründe für den Anstieg ist die veränderte Zusammensetzung vieler Haushalte: Mehr Mütter leben allein mit ihren Kindern und Paare haben zunehmend getrennte Wohnungen. Der Trend zum Alleinleben steigert die Niedrigeinkommensquote, selbst wenn das Gesamteinkommen aller Haushalte konstant bleibt: Aus einem getrennten Mittelschichtspärchen können zwei alleinstehende Niedrigeinkommensbezieher werden, denn künftig müssen beide ihre Miete zahlen und die Waschmaschine reparieren lassen. Auch der Zuzug anerkannter Flüchtlinge hat die Niedrigeinkommensquote erhöht.

Armutsrisiko bei Erwerbslosen am höchsten

In Ostdeutschland ist das relative Armutsrisiko deutlich höher als im Westen und Süden des Landes. Das innerdeutsche Gefälle relativiert sich jedoch, wenn man die regionale Kaufkraft berücksichtigt, denn in Ostdeutschland sind die Preise auch 30 Jahre nach dem Mauerfall im Durchschnitt noch etwas niedriger als im Westen. Dementsprechend kommt ein Single in Magdeburg mit 1.100 Euro wohl noch einigermaßen über den Monat, während die gleiche Summe in München kaum für das Nötigste reicht. Die preisbereinigte Armutsgefährdungsquote zeigt deshalb weniger Unterschiede zwischen Ost und West, dafür aber ein umso stärkeres Gefälle zwischen Stadt und Land.

Alle Regionen eint der Kreis der Gefährdeten: Erwerbslose, Alleinerziehende und Personen mit Migrationshintergrund fehlt es besonders häufig an einem auskömmlichen Einkommen. Zwar sorgen die staatlichen Transfers dafür, dass die Zahl der Niedrigeinkommensbezieher nicht noch deutlich größer ist. Doch einfach mehr Zahlungen zu veranlassen kann keine dauerhafte Lösung der Probleme sein: Geld kuriert allenfalls die Symptome, beseitigt aber nicht die Ursachen. Das beste Mittel gegen Armut und niedrige Einkommen ist eine prosperierende Wirtschaft mit einer geringen Arbeitslosigkeit. Um den Problemgruppen den Weg in den Arbeitsmarkt zu ebnen, ist ein weiterer Ausbau der Kinderbetreuung und der Ganztagsschulen nötig. Alleinerziehende könnten damit Familie und Beruf leichter vereinbaren. Zudem hätten viele Kinder mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Schichten einen besseren Start ins Leben.